Jan12

Rundbrief 1/11: Gut gemeint im Übergang zu gut gemacht

Posted by Nils Adolph on 12.01.11  ~  Posted in: Philo- Praxis

Anstelle eines Rundbriefs eine kleine philosophische Geschichte in dialektischer Form, voll Anerkennung und Hoffnung.

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Als ich ihn in der Zugbar das erste mal traf, kam er mir ungebunden und schamlos vor. Offensichtlich jedoch plagte ihn eine Art ängstliche Verunsicherung. Denn unsere Unterhaltung hielt er in ständiger Erinnerung seines bereits getaperten Wegs. Ohne Unterbrechung musste sich unsere Unterhaltung in greifbarer Nähe zur Idee des Taperns befinden. Am Ende unseres gemeinsamen Abends hatte er sich immerhin soweit beruhigt, dass ihm immerhin gelegentlich eine kurze Ablenkung vom zwanghaften Tapern gelang, wenn auch nur über kurze Minuten hinweg.

Das ablenkende Verdrängen kann indes nicht als Befreiung gelten. Denn genau wie versenkte Korken wieder zur Wasseroberfläche vorstoßen, kommt in nächster Konsequenz des Verdrängens auch das untergründig Bewusste wieder zum Vorschein.

Wahrscheinlich bedrohte das Tapern seine Freiheit, die in seinen inkooporierten Wertvorstellungen und tief verinnerlichten Idealen fundiert ist. Diese ihn von allen anderen Menschen unterscheidenden Wert- und a priori Orientierungspunkte können als gegenüberliegende Ausgangspunkte zum Tapern gedacht werden. Normalerweise ist das Tapern im Verhältnis zu den Ideen indifferent. Ideen und Werte hingegen, können mittels Erleuchtung jedes Tapern unterdrücken. Sie sind also einseitig gegenüber dem Tapern bevorzugt.

Eine Umkehrung der einseitigen Begünstigung hatte die Verdrängung des Taperns ermöglicht. Im unbewussten Untergrund wurde das Tapern mit einem wohligen, heimatlichen Gefühl ausgestattet. Ein Gefühl, das über sich hinaus die Nähe zu seiner subjektiven Transzendenz, zu seinem individuellen Heiligtum verspricht. Ein Gefühl welches die Aufgehobenheit und Voraussehbarkeit einer alles ordnenden Metaerzählung erlaubt und dadurch werte und Ideen ihrer Vorrangstellung beraubt.

Eine Folge des Strebens nach Maß der abnormen Gefühlsverwirrung kann eine wiederkehrenden Schleife der Selbstdestruktion seines Werte- und Ideenhorizonts sein. Eine Erfahrung dieser Selbstdestruktion gleicht:

  • dem Kater nach einem Abend voll krassem Rock n' Roll,
  • der frisch errichteten ideologischen-Fassade die durch Wirklichkeit konterkariert zusammenkracht,
  • einem jahrzehntelang eingeschliffenen Begriff, der nicht länger mit der Wirklichkeit zusammenpasst,
  • einem favorisierten Lebensstil dessen Rationalität auf ein Leben im Suff und auf der Parkbank vorbereitet.

Die Folgen der autoaggressiven Erlebnisse werden aber mitnichten als gutes Gefühl, sondern vielmehr als eine Art zwiepältiger Befangenheit empfunden. Sie machen eine individuelle Art der Verunsicherung aus. Einschüchterung, fehlendes Selbstbewusstsein, vom vielfach gescheiterten Kampf gegen die regulativen Ideen und zugleich für die Auflösung des Taperns entmutigt und kraftlos. Es kann sogar bei dem zu Handlungsunfähigkeit kommen, der im Zwiespalt zwischen Bedürfniswelt und Wertewelt befangen bleibt. Während die Auflösung der Gewohnheiten mit aller Macht heran drängt und drohend fortschreitet, wird der Habitus einer scheinbar ziel- und haltlosen, unkontrollierten Veränderung unterworfen.

Die paradoxe Befangenheit des Taperns liegt wie zu Beginn geschrieben darin, dass ihm mit Verdrängung oder willentlicher Separation, Aufhalten und Vernichtung nicht beizukommen ist. Vielmehr wird es durch die Verdrängung und Unterordnung geradezu ermächtigt. Kann dieser destruktive Kreislauf dennoch sublimiert werden?

Das Geheimnis der Sublimationsleistung liegt in Kunst (Musik, Theater, Museen etc.), Körperarbeit (Gymnastik, Sport, Bewegung etc.) und Beziehungen (Menschen, Dinge und Tiere) begründet. Im Gegensatz zum Tapern, das nicht von seinem selbstdestruktiven Moment geschieden werden kann sind Kunst, Körperarbeit und Beziehungen überhaupt nicht für die handlungsleitenden Ideen und Werte schädlich. Ebenso wie das Tapern implizieren sie die Emotionen transzendierenden Kapazitäten, die das Geläut der Stille (Heidegger) moderieren. Zugegebenermaßen, gegen Ende seines Strebens werden alle gesagt haben er habe gut gekämpft, aber er war einfach nicht mächtig genug. Tatsächlich sind seine Gegner einfach zu stark gewesen. Aber alle werden auch den übermenschlichen Funken hinter all dem Tun gesehen haben.

P.s.: Falls Ähnlichkeiten mit Genanzinos Roman : Die Liebesblödigkeit auftauchen ist dies nicht beabsichtigt, aber durchaus auch nicht verwunderlich.