Alter, Wohnen und Aktivitäten

Hinter dem Titel "Alter, Wohnen und Aktivitäten" verbirgt sich eine interdisziplinäre, praxisnahe und investigative Forschung. Betroffene Fachbereiche sind neben der Familiensoziologiesoziologie, die empirischen Sozialforschung und die Alterssoziologie. Die Studie umfasst ferner Bereiche der Sozialpsychologie (psychologische Alternsforschung), Gerontologie (soziale Gerontologie und Kulturgerontologie), Philosophie (interkulturelles Verstehen, Anerkennungstheorien) und der Heimatforschung. Die Studie soll nachvollziehende Einblicke in Lebenslagen Älterer und ihre Bedürfnisse in der Wohnsituation sowie eine grundlegende Verständigung darüber, welche Leitbilder, d.h. Dienstleistungs- und Betreuungsangebote, möglichen Hilfen zugrunde gelegt werden sollen. Die Veröffentlichung eines schriftlichen Berichts ist bis Dezember 2017 geplant.

FRAGESTELLUNG
„Was“, stellt uns die Sphinx eine Frage, „bewegt sich am Anfang auf vier, dann auf zwei und am Ende auf drei Beinen?“
Eine Lösung der Rätselfrage bleibt solange unerreichbar, wie sich über eine schützende Unbestimmtheitszone hinweg, kein Zusammenhang zwischen den im Rätsel realisierten Daten (4 Beine, 2 Beine, 3 Beine und dem Zeitverlauf) herstellen lässt. Allein diese Unbestimmtheitszone macht das Wesen des Rätsels aus (vgl. Adorno 2000: 194). Aus diesem Wesenszug des Rätsels lässt sich eine höchst abstrakte Form der forschungsleitenden Frage formulieren: Wie lässt sich die Unbestimmtheitszone zwischen den »Alter«, »Wohnen« und »Aktivitäten«?

Trotz einer auf die Praxis zielenden Frage welche dadurch einer immanente Unbestimmtheitszone hat, liefert die folgende theoretische Beschreibung der drei Begriffe »Alter«, »Wohnen« und »Aktivitäten« zunächst eine Konkretisierung des Erkenntnisinteresses aber auch ein »Geländer« für die nachfolgenden Forschungsaktivitäten innerhalb eines zu Beginn als terra incognita bezeichnenten Ödlands.

ALTER
Warum wird als ein zentrales Forschungsdatum gerade das Alter gewählt, wo man doch annehmen sollte, dass es bereits gut erforscht ist und mit seinem Zusammenhang von Konservatismus, Tod und Krankheit steht was junge Menschen selten interessiert? Meine Wahl beruht auf einer eine Reihe persönlicher Erfahrungen, den schleichenden, demographischen Veränderungen und der andauernden Aktualität des Themas in der Wissenschaft. Demographen warnen bereits seit den 70er Jahren als »Rufer in der Wüste« vor rückläufigen Anzahl von Geburten und der ebenfalls stark rückläufigen Anzahl der Sterbefälle. In Konsequenz der beiden Kennzahlen sehen sie die Bevölkerungs insgesamt »Schrumpfen« und zugleich »Alternn«. Die damit zusammenhängenden Gefahren für Rentenkassen und Gesundheitssystem drängen bereits vehement. „Auf jeden Fall wird die Zahl der ab 80-Jährigen deutlich ansteigen und damit voraussichtlich auch die Zahl der pflegebedürftigen Menschen zunehmen.“ (Statistisches Bundesamt 2006: 44) Nicht Bevölkerungsberechungen an sich sind problematisch sondern deren Nutzung als Mittel zur Durchsetzung von Interessen auf teilweise ganz anderen Feldern (vgl. Schirrmacher 2004).

Damit verbunden sind sowohl Gefahren als auch Chancen für die Lebenslagen Älterer. Die beiden Forscher Clemens und Naegele (2004) sehen Chancen udn Gefahren vor allem beim:

  • Vermögens- und Einkommensspielraum
  • materieller Versorgungsspielraum
  • Kontakt-, Kooperations- und Aktivitätsspielraum
  • Lern- und Erfahrungsspielraum
  • Dispositions- und Partizipationsspielraum
  • Muße und Regenerationsspielraum sowie der
  • durch alterstypische psycho-physische Veränderungen (v.a. Gesundheitszustand) bestimmte Spielraum
  • Spielraum durch die Existenz von Unterstützungsressourcen bei alternstypischer Hilfe- und Pflegeabhängigkeit aus dem familiären und/ oder nachbarschaftlichen Umfeld.

Die Differenzierung der Lebenslagen ermöglicht eine Analysemöglichkeit der sozialen Ungleichheit im Alter und ist Ausgangspunkt für Kritik derselben.

WOHNEN
Jeder Menschen muß Wohnen. Besondes für mobilitätseingeschränkte Menschen wird die Wohnung zum Lebensmittelpunkt. Auch statistisch gesehen werden je älter, desto wahrscheinlicher die Menschen die weitaus längste Zeit des Tages in ihren Wohnungen angetroffen. Zudem ist die Wohnung im laufe der Zeit zu einem Hort von unverziehbaren Identifikationen und Abbild geronnener Erfahrungen geworden. Die Wichtigkeit des eigenen Wohnens für Alte und Ältere kann also kaum unterschätzt werden.
Die Soziologen Höpflinger/ Stuckelberger (1999: 146f.) geben an, dass sie 12 verschiedene Wohnformen kennen:

  • im Alter zu Hause bleiben
  • »Obdachlosigkeit«
  • Zimmer vermieten (an Jüngere)
  • Alterswohnung, Altersresidenz
  • Seniorenresidenz/ Wohnstift
  • integrierte Alterswohnung, betreutes Wohnen
  • Seniorenwohngenossenschaft, Baugemeinschaft
  • Alterswohngemeinschaft
  • Pflegeheim
  • Pflegewohngruppe
  • und Stationäre Hospize

Elwert (1994: 263) hat verschiedene Diskurse über Wohnformen und Lebenslagen Älterer verglichen und daraus verschiedene Altersbegriffe abgeleitet. Ich möchte verschiedenen Cluster von »Alters-wohn-lebenslagen« generieren, die in einer experimentellen Umsetzung des Alterswohnen münden.

AKTIVITÄTEN - SOZIALES HANDELN - PRAXIS - ENGAGEMENT
Oftmals wird die Lebenssituation älterer Menschen in der Bundesrepublik Deutschland instrumentalisiert, was aus ethischen Gründen abzulehnen ist (Deutscher Bundestag 2001: 13). Denn das Racht auf Selbstbestimmung alter und älterer Menschen darf nicht den Spielball für polit-ökonomische Konjunkturen geben (vgl. Schassmann 2006). Ähnlich instrumentalisiert wird der Komplex an Tätigkeiten zwischen ehrenamtlicher Tätigkeit, freiwilligem Engagement oder bürgerschaftlicher Beteiligung (vgl. Backes 2006). Lobbyistische Infiltration sind an der Tagesordnung (vgl. Van Dyks 2007), kritisch reflektiert wir das selten. Aktives Altern ist eine medial verbreitete Norm, die von strategisch Benachteiligten nicht eingeholt werden kann und zur Konstruktion eines nicht-aktiven, ‚negativen’ Alters beiträgt (Van Dyk 2007: 108). Die Pluralisierung der Lebensstile und soziale Ungleichheit sind in den Blick zu nehmen. Das versuchende Leben kann tragfähige Kulturen und generationengerechte Bilder von Alter und Alten entdecken, die sich durch Solidarität und gegenseitige Akzeptanz auszeichnen. Ihre praktische Erprobung ist der einzig gültige Gütetest eines gelungenden Lebens.

Unter den sehr allgemeinen Leitmotiven (Pluralität, soziale Ungleichheit und Interkulturalität) können Entfremdung, Verdinglichung und Narzissmuskonzepte weiter kritisieren. Anerkennung, Netzwerke, sowie Resonanz und freundliche Sympathie können vermitteln, also klären „warum Subjekte sich in bestimmten Figurationen engagieren bzw. auch organisieren“ (Straus 2002: 181). Mit Reflexionen über Verantwortung, Freundschaft, Integration, Gemeinschaft etc. möchte ich deren eigenartigen Einfluss auf die Rationalität von Konfigurationen von Alter, Wohnen und Aktivitäten nachdenken.

Damit wären dann der Zusammenhang von Alter-Wohnen und Aktivitäten aufgeklärt oder um es kompliziert auszudrücken: es wären Konzepte und Organisationsformen des Wohnens und Engagements im Alter bei der Vermittlung von strukturellen Bedingungen und existentialen Möglichkeiten aufgeklärt.